17. Juni: Vergessen, von Gott und der Welt

17. Juni: Vergessen, von Gott und der Welt

Der 17. Juni 1953 scheint nur noch in Teilen der älteren Bevölkerung im Gedächtnis zu sein. In jungen Köpfen fehlt oft das Bewusstsein um dieses Datum. Selbst im Osten der Republik verblasst die Erinnerung an diesen Tag. In einer Forsa-Umfrage konnte nur jeder Siebte im Alter von 14 bis 29 Jahren spontan etwas mit dem Datum anfangen. Insgesamt verbinden 50 Prozent der Ostdeutschen und 40 Prozent der Westdeutschen mit dem Datum sofort den Volksaufstand. Volksaufstand?

Der 17. Juni war nicht nur ein Generalstreik von Arbeitern in Ost-Berlin. An 700 Orten der damals erst vier Jahre alten DDR, demonstrierten bis zu einer Million Menschen – gegen neue Arbeitsnormen, auch gegen die SED und für freie Wahlen und mehr Wohlstand. Binnen Stunden wurde der Ausnahmezustand verhängt. Sowjetpanzer und Volkspolizei rückten aus. Am Ende waren 55 Menschen gestorben. Mehr als 10.000 wurden verhaftet, 1500 kamen hinter Gitter.

(Allwissende Müllhalde)

Die Gleichgültigkeit mit einhergehendem Schulterzucken soll sich ändern. Opposition und Widerstand in der DDR sollen öffentlich mehr gewürdigt werden – dafür hat sich der Bundestag vor dem 70. Jahrestag des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 ausgesprochen.

Das Parlament fordert zudem die rasche Errichtung des schon länger geplanten Denkmals für die Opfer der kommunistischen Diktatur im Berliner Regierungsviertel, die Umsetzung des „Forums Opposition und Widerstand 1945–1990“ an der früheren Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. Carsten Schneider, Ostbeauftragte der Bundesregierung, regte an, den 17. Juni zum Gedenktag für Freiheit und Demokratie in ganz Europa zu erklären.

Wen interessiert es …

In Hanau und Augsburg geht es an diesem Tag im „Heiteitei-Modus um die Häuserblöcke“ (CSD), in Frankfurt findet die Veranstaltung „Bündnis Akzeptanz und Vielfalt“ statt – mit Infoständen, Partys, DJs und was dazu gehört.

In einer Planungsrunde zum „Pride-Month Juni“ erwähnte ich, dass der 17. Juni eher ein Tag zum Innehalten ist, als um an einem CSD teilzunehmen. Von den Jüngeren in der Runde kam nach dem geschichtlichen Hinweis: „Das ist schon viel zu lange her.“ Scheinbar vergessen und/oder nicht (mehr) gewusst. Die Älteren in der Runde meinten ebenfalls, dass dieser Tag schon ein wichtiger Tag ist.

Man muss ja nicht in tiefe Trauer fallen, aber einen CSD-Umzug abhalten, queere Partys feiern, muss man auch nicht gerade.

Lass sie laufen

Aber es ist wie mit (fast) allem inzwischen in der queeren Welt: Einen geschichtlichen Bezug in die Vergangenheit findet man eher zur amerikanischen Geschichte als zur hiesigen. Scheinbar zählt hier eher der Spaßfaktor: Aus IDAHOT ist mittlerweile IDAHoBALTI* (HeidelberG) geworden, der deutsche Nationalfeiertag, der einst am 17. Juni „Tag der Deutschen Einheit“ hieß, ist nun hier und da auf eine andere Art ein „Feiertag“.

Es ist besser, nicht allzu tief in die queere Gesellschaft einzutauchen.
Laß se laafe. (Frankfurter Redensart)

17. Juni: Gedenktag für Freiheit und Demokratie

Nötig wäre eine Art Gedenktag für Freiheit und Demokratie, denn es liegt einiges im Argen:

  • die Definition des Polizeiapparates über sein Verständnis zur „Verhältnismäßigkeit“
  • Judikative Eigenschaften der Staatsanwaltschaft
  • Ausübende Gewalt der Gesellschaft gegen Klimaaktivisten
  • Gesetze und weitere gesetzliche Vorhaben, die bürgerliche Rechte massiv beschneiden
  • Ausverkauf der Privatsphäre in den sozialen Medien mit einhergehender (auch queeren) Meinungsdiktatur.

Freuen wir uns auf die nächste Zeitenwende. Es kann nur besser werden.

cu

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